19 septembre 2008

Deutsch

TrioPROmoZICA
Trio PROmoZICA

Daniel KIENTZY, saxophon(e)
Cornelia PETROIU, bratsche
Reina PORTUONDO, electronik

Konzert im  Ennéaphonie


ECHO MEMO

L'Ombre double, “Cinquième voyage d’hiver”    Costin MIEREANU 
Saxophone sopranino und sopran, Bratsche und Elektronik

 Fragile    Adrian BORZA
Saxophon sopran, Bratsche und Elektronik

Pénitence et anthropologie    Adina DUMITRESCU
Saxophone sopranino und alt, Bratsche und Elektronik

Obsessivo    Doina ROTARU
Saxophone sopran und tenor, Bratsche und Elektronik

P A U S E

 Nr. 273,16 - Intersections    Maia CIOBANU
Saxophon alt, Bratsche und Elektronik

Choix    Irinel ANGHEL
Saxophon sopran, Bratsche und Elektronik

A    T   In memoriam meinen Sohn Cristian    Octavian NEMESCU
Saxophone tenor, alt, sopranino und bariton, Bratsche und Elektronik

 

Tourneeleiter: Julien Rouvière


Das Kulturprojekt ist vom rumänischen Ministerium für Kultur und religiöse Angelegenheiten finanziert
Mit Unterstützung von Nova Musica (Paris) und der Kientzy Stiftung (Bukarest)


PROmoZICA ist ein einzigartiges Trio bestehend aus einer soniste, Reina Portuondo, einer Bratschenspielerin, Cornelia Petroiu, und einem Saxophonspieler, Daniel Kientzy (www.kientzy.org). Sie verschreiben sich der Interpretation sogenannter gemischter Musik (natürliche Instrumente und elektronische Klänge). Die drei Künstler  setzen diese neue Musikform in einer ganz besonderen Art von Kammermusik um. Ihr Repertoire setzt sich aus eigens zu diesem Zweck komponierten Werken zusammen. Bei einem Konzert wird sie als Enneaphonie vorgetragen: Die Konzeption und Struktur der Interpretation und die mehrstimmige Übertragung (1+8) wurden von Daniel Kientzy zusammen mit  Reina Portuondo für die organisch-akusmatische Musik entwickelt. 1 Solist, assistiert von einem zweiten Musiker, der im Zentrum des technischen Klangmediums operiert, verbindet das ungeheure akusmatische mit dem instrumentalen Potenzial, das durch elektronische Kolorierung und / oder Transformationen in Echtzeit noch stärker zur Geltung gebracht wird; eine in 8 Richtungen ausdifferenzierte Raumordnung (paarweise: weiter vorn, dicht vorn, seitlich, hinten) transzendiert das Klanggebilde und schafft eine Multidimensionalität, die wiederum durch verschiedene digitale Bearbeitungen mit zeitlicher Verzögerung und Raumsynthesen gesteigert wird. Anspruchsvoll und doch pragmatisch, besteht es aus einer tragbaren Installation (50 kg), die vor Ort nur 8 Lautsprecher und die zugehörigen Verstärker benötigt (tatsächlich zu finden von einem Ende der Welt zum anderen).


L'Ombre double, Die fünfte Winterreise (2007), für das Trio geschrieben
Seit dem Höhlengleichnis von Platon und der ambivalenten Realität von Christus über Hoffmanns Erzählungen, Alice hinter den Spiegeln, Science Fiction Filme, surrealistische Malerei und viele andere „Doppelfiguren“ bis hin zur Comicserie Philemons Abenteuer von Fred wird die Welt unablässig von paradoxen, flüchtigen Erscheinungen wie Schatten, Lichtreflexen, Echos heimgesucht — den „obligaten Attributen der Wirklichkeit“ nach dem Philosophen Clément Rosset. Ein alter Witz aus Mitteleuropa lautet: „Die vier Evangelisten waren drei, Lukas und Matthäus“. So verschmelzen die vier Elemente paradoxerweise heute (das Trio + die aufgenommenen Klänge) zu den drei Arten flüchtiger Impressionen (Musik der Schatten, Lichtreflexe und Echos) von L’Ombre double dieser „Fünften Winterreise“. Das Trio selbst ist auch ein Doppelschatten, denn hier verliert sich der Reisende (der Saxophonist) in seinem Spiegelbild (der Bratschen-Narzist) mit der ganzen Aufmachung der Nymphe Echo (elektroakustisch live). Um diese Doppelfiguren zu erzeugen, stellt der Beleuchter (der Komponist) ein „Schattentheater“ aus nicht parallelen Klanglichtern auf: zwischen den beiden Wüstensonnen und dem längsten Schatten der Winterdämmerung wählt der Schattenschausteller als Gefährt dieser Reiseutopie die Fackel im Mondschein …
     Costin MIEREANU (Bukarest-1943) studierte an der Musikakademie Bukarest, der Hochschule für Sozialwissenschaften, der Schola Cantorum und der Université Paris VIII. Er erhielt mehrfach erste Preise für Partituren, Musikanalyse und -geschichte, Ästhetik, Orchestration und Komposition. Er promovierte in Literaturwissenschaften und musikalischer Semiotik. Er hat einen Lehrstuhl für Philosophie, Ästhetik und Kunstwissenschaften an der Université de Paris I La Sorbonne und leitet seit 1991 die Forschungseinrichtung „Ästhetik zeitgenössischer Künste“ an der Université de Paris I. Seit Oktober 2000 ist er Vorsitzender des von ihm gegründeten Institut d’esthétique et des sciences de l’art. Er wurde u. a. mit dem Preis der Europäischen Kulturstiftung, dem Prix Enescu, sowie mit dem Prix de la Partition Pédagogique des französischen Komponistenverbands SACEM (1992) ausgezeichnet.

Auf den ersten Blick scheint Fragile (2008) aus verletzlichem Stoff, aus zarten, vibrierenden Tönen zu bestehen, wie der Titel des Stücks vermuten lässt. Klangatome, lineare Akkorde oder Intervalle sind zu kurzen, von einer speziellen IAC-Software entwickelten Sätzen verbunden. Doch auf den zweiten Blick stellt man fest, dass diese akribische, algorhythmische Kompositionstechnik eine überraschend starke Ausdruckskraft besitzt. Fragile wird zur Aufgliederung eines musikalischen Experiments in verständliche Worte, die sich uns dank unserer vergangenen Hörerfahrungen und Erkenntnisse erschließen. Diese Kompositions- und Dekompositionstechniken sind selbst fragil, entziehen sich jedoch nicht der Dauerhaftigkeit. Fragile ist ein musikalisches Stück, das der Erforschung des Interaktionspotenzials von Mensch-Maschine gewidmet ist. Es wurde mit der sogenannten IAC-Interactive Algorithmic Composition Software des Komponisten und der Programmiersprache Max/MSP realisiert. Fragile entstand 2008 im Auftrag von Daniel Kientzy und dessen Stiftung.
     Adrian BORZA (Turda-1967) ist ein vielseitiger Künstler in den Bereichen instrumentale und elektroakustische Komposition, Entwicklung von Musik-Software, Audiopostproduktion und Musikpädagogik. Er studierte in Rumänien an der Hochschule für Kunst und an der Musikakademie. Er erlangte einen Doktorgrad in Musik. Er war Initiator von Kursen für elektronische Musik an der Theoretischen Musikfakultät und gründete das Aufnahmestudio CMP/Computer Music Production. In Kanada belegte er an der Université de Montréal Kurse für die Erzeugung von Computer- und elektroakustischer Musik. Heute ist er Professor an der Musikakademie Gheorghe Dima und Mitglied der ISCM, der GEMA und der UCMR. Seine Musik wird in der ganzen Welt gespielt.


Pénitence et anthropologie (2007) erschließt dem Publikum Klangwelten, deren Quellen zwar auf sehr ähnliche melodische Diskurse zurückgehen, aber ganz unterschiedlichen Traditionen angehören, nämlich der christlichen Religion, den siberisch-nganasanischen Kulturen und der Volkskunst der Selk’nam aus Feuerland. Es geht um ein und denselben musikalischen Ausdruck mit dennoch völlig unterschiedlichem Sinngehalt, anders ausgedrückt, um eine musikalische Homonymie. Will man die lebenden Modelle, die diese Bedeutungen hervorgebracht haben, verstehen, muss man für jedes Modell den kulturellen Hintergrund kennen. Man findet also wie bei einem Paradoxon die Vieldeutigkeiten der Kunst gerade in seinem natürlichen Gegenstück, indem man seine Ausdrucksformen in den einzelnen Völkersprachen erkundet.
     Adina DUMITRESCU (Bukarest-1964). Sie promovierte an der staatlichen Hochschule für Musik in Bukarest und absolvierte dort ein Doppelstudium: musikalische Informatik und Komposition. Seit 2003 lebt sie in Finnland (Tampere), wo sie Forschungen in musikalischer Anthropologie betreibt und als Komponistin tätig ist. Sie hat eine besondere Vorliebe für Kammermusik, literarische Aspekte und Instrumentaltheater.


Obsessivo  (2008) Ein kurzes Kreisthema irrt im ganzen Raum wie eine Obsession umher. Wie in einem Traum erzeugt die zwanghafte Vorstellung immer mehr Variationen und dreht sich in neuen Gefühlszusammenhängen. Wie in einem Traum kehren dieselben Bilder ständig wieder. Sie werden zunehmend verfälscht und bedrohlich, verzweigen sich und führen zu weiteren Obsessionen – Varianten ersten Themas. Es geht um einen musikalischen, permanent wiederkehrenden Diskurs, der sich jedoch langsam steigert und unterschiedliche Gefühlslagen  widerspiegelt. Das Werk ist eigens für das Trio geschrieben.
     Doina ROTARU (Bukarest-1951) studierte an der Musikhochschule Bukarest, an der sie heute Professorin für Komposition ist. Sie hielt Vorträge in Darmstadt und Amsterdam, wo sie ebenfalls Komposition studierte. Ihre Musik wird auf zahlreichen Konzerten und Festivals in der ganzen Welt gespielt. Sie erhielt mehrfach Auszeichnungen und Preise, insbesondere von der rumänischen Musikakademie, dem rumänischen Komponistenverband und gewann den Wettbewerb der Gedok in Mannheim.


Nr. 273,16 - Intersections (2007)
„ … in dem Maße, wie du scheinbar kleiner wirst, wächst du über dich hinaus. Du entfernst dich und ich komme dir näher …“
„Ich suche die Regeln einer spurlosen Freiheit. Ich brauche das Gestern.“
Bei 273,16 Grad Kelvin (0 Grad Celsius) verflüssigen sich die Zustände in einer permanenten Neukonfigurierung vom festen in den flüssigen Zustand und (möglicherweise) umgekehrt. Der Übergang vom Präzisen zum Unpräzisen, vom Unpräzisen zum Präzisen kann in den unterschiedlichsten Stimmungen und Tempi vonstatten gehen. Das Werk achtet auf die Schnittstellen einer Vielzahl von Bahnen: klare, melodische Linien, improvisierte Strukturen, von konvergierendem Timbre absorbierte Geräusche, laute Töne, die auf diatonische, chromatische Bereiche oder Mikrointervalle treffen, Farben und Effekte, Gedanken, Bilder, Erinnerungen – die gesamte Auflösung und Wiedereingliederung in dasselbe Fluidum … unendlich ähnlich und unendlich verschieden.
     Maia CIOBANU (Bukarest-1952) studierte Klavier und Komposition an der Musikakademie Bukarest und anschließend in Darmstadt. Sie bekommt zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Heute ist sie als Professorin für Harmonielehre tätig, schreibt für viele Fachzeitschriften und macht Vortragsreisen. Ihr musikalisches Schaffen ist sehr breit gefächert: symphonisch, vokal, Kammer- und Chormusik, elektroakustisch, didaktische Stücke und Ballettmusik. Sie ist Gründerin und Leiterin des Ensembles Alternative. Hauptthema ihrer Arbeiten ist die Untersuchung der Tonerzeugung auf der Suche nach einem adäquaten Ausdrucksmittel.


Choix (2008) Das Stück ist ein Experiment mit 3 völlig unterschiedlichen Verläufen bei einer einzigen musikalischen Struktur, die sich jedes Mal anders entwickelt und zu Klangergebnissen führt, die sich dem Publikum wie verschiedene Wahlmöglichkeiten  darstellen.
     Irinel ANGHEL (Bukarest-1969) komponierte viele orchestrale Werke und Kammermusik, die in Europa und anderswo gespielt werden. Sie studierte Musikanalyse, Komposition, Harmonielehre, Musikwissenschaften und Orchestration an der staatlichen Musikhochschule Bukarest, wo sie in Komposition promovierte. Sie erhielt zahlreiche nationale und internationale Preise. Sie gründete das Ensemble ProContemporania (1990), dessen künstlerische Leitung sie übernahm und spielt auch mehrere Instrumente. 2003 organisierte sie das Internationale Festival für neue Musik in Bukarest. 2004 rief sie das MultiSonicFest ins Leben und ist dessen künstlerische Leiterin.


A    T (2008) In memoriam meinen Sohn Cristian
Dies ist der Ausgangspunkt, um A t e m p o r a l i t ä t über die Zeiterfahrung zu berühren und zu streifen. Den 3 Klang-Sendern, dem  Saxophon, der Bratsche und dem Tonband, sind jeweils ein anderes raumzeitliches Schicksal beschieden. So wird es zu einem offenkundigen Fall von POLYTEMPORALITÄT (Polyphonie der Zeiten) mit gemeinsamen, ähnlichen Bereichen und Überschneidungen. Die Bahn des Saxophons verläuft in linearer Zeit, irreversibel; gleichzeitig kann man Kontinuität ebenso wie Diskontinuität wahrnehmen, von der tiefen zur hohen Tonlage, von großen Intervalle bis hin zum Stranden in der mittleren Tonlage, in kleinen Intervallen und dann, nach einer Rettung, die an Wunder grenzt, von neuem großen Intervalle. Es handelt sich um eine aszendierende Sexte (entweder in Dur oder in Moll) in hoher Tonlage als Symbol für den Elan, das Stürmen gen Himmel. Bei diesem Intervall steht die Zeit still. Die Bratsche folgt einer geschlossenen Kreisbahn mit wiederholten Auf- und Abwärtsbewegungen sowie Ausdehnungen und Verdichtungen der klanglichen Raumzeitlichkeit (der Intervalle). Das Tonband manifestiert sich in einer offenen Kreisbewegung, einer „Schneckenspirale“. Es beginnt mit einem Dur-Dreiklang (mit C als Grundnote, in tiefer Tonlage, G als Quinte in der mittleren Tonlage und der E-Dur-Terz in der hohen Tonlage), deren astrale „Ausdünstungen“ sich dann in einem Prozess bewegen, der in Richtung Resorption, Implosion und inneren Zusammenbruch innerhalb der Note G geht. Dann folgt eine Modulation beim ES in einem höheren Akkord. Und eine weitere auf dem F und schließlich eine dritte auf dem DES in einer zweifachen Hypostase, erhöht in Dur (im Rahmen einer Schlussartikulation), die die Ausdehnung und Mäßigung des Tempos impliziert. Alle diese Modulationen sind aus ihrem tonalen, historischen Kontext genommen, dem dadurch ein m e t a h i s t o r i s c h e r, m e t a p h y s i s c h e r, a r c h e t y p i s c h e r Sinngehalt verliehen wird. Sie fördern die „Ausbruchsversuche“ aus dem Takt von Saxophon und Bratsche.
     Octavian NEMESCU (Pascani-1940) studierte Komposition an der Musikhochschule Bukarest (1956-1963). Heute ist er Professor für Musikwissenschaften, und seine Kompositionen werden regelmäßig bei internationalen Konzerten gespielt. Er erhielt u. a. den Aaron Copland Prize (1970), den Preis für elektroakustische Musik in Bourges (1980, 1982), den Preis der ICEM (International Confederation for Electroacoustic Music) sowie der rumänischen Musikakademie (1981). Er ist Komponist mit archetypischer Ausrichtung und komponiert Kammermusik, elektroakustische und imaginäre Musik.

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